
Der Winter
Entgegen der allgemeinen Auffassung steht der Winter mit seinem ganz
eigenen, oft bizarren Reiz den vermeintlich attraktiveren Jahreszeiten
in nichts nach.
Gelegentlich überrascht er mit einem grandiosen Szenario: Über Nacht
hingezauberter Raureif lässt Zweige, Gräser, Äste in kristallinem
Glanz erstrahlen- eine Kulisse wie für Christian Andersens
„Schneekönigin“.
Es
entsteht eine völlig andere Ästhetik von Formen und Farben, ja
eigentlich die Reduktion der Palette auf unterschiedliche Weiß-,
Silber- und Grüntöne , raffiniert gestaffelt und abgestuft.
Bizarre, fremde Skulpturen präsentieren sich dem Betrachter. Schnee und
Eis erzeugen eine neue, unbekannte Wirklichkeit.
Es
ist die Jahreszeit der Strukturen und Konturen, der strengen
geometrischen Linienführung , der großen freien Flächen. Geradezu
minimalistisch reduziert, ist die Wirkung von Gärten und Parks oft
beeindruckend. Eine verfremdete, abstrahierte Welt. Wenn dann das
winterliche Licht und ein oft schwerer Himmel das Arrangement
komplettieren, entstehen großartige Landschaftsprospekte.
Wie
ein Dekorateur zaubert der Raureif kostbare Impressionen hin. Glitzernde
Kristalle lassen eine rätselhafte unbekannte Welt entstehen. Weiß
gepudert mit biedermeierlichen Hauben erwachen die Jugendstilvillen ,
wenn im Morgengrauen die Gaslaternen in der Allee verlöschen, und wie
durch einen Schleier zeigen sich behutsam die ersten Umrisse von
Brücken, Gittern Mauern. Wenn dann mit zunehmendem Tag das Sonnenlicht
durchbricht, funkelt ein märchenhafter Eispalast auf.
Der
Zauber der kalten Jahreszeit hat uns wunderbare Geschenke gemacht. In
der Musik, in der Literatur, in der Malerei.
Die
Einsamkeit, und Schwermut, die Trauer und Todessehnsucht von Schuberts
Winterreise findet ihre Entsprechung in der toten Natur, in Kälte,
Frost und Schnee:
„Gefrorne Tropfen fallen
von meinen Wangen ab:
ist´s mir denn entgangen
dass ich geweinet hab?“
"Rau(h)reif
benimmt dem Winter alle Erdenschwere...
Rauhreif ist die Mozartmusik des Winters, gespielt bei atemloser
Stille der Natur.
Mit
ganz anderem, breitem Pinselstrich arbeitet die Natur und holt
eine völlig andere Schönheit aus der Pflanzenwelt heraus . Er
stellt viel tiefere Ansprüche an die Schönheit eines Gartens und
Parks, um sein Reich voll entfalten zu können. Je schöner und
reicher ein Garten im Sommer ist, desto schöner ist er auch im
Schnee. Ganz besondere Träger seiner Schönheit sind aber kahle
Gehölze von edler, reicher Verzweigung und Nadelhölzer."
Klaus-Georg Forster: Geschichte der Pflanzen
Der
Wanderer, dessen einziger Gefährte die Krähe ist, die ihn begleitet,
seit er die Stadt verlassen hat, zeigt die Unbehaustheit des Menschen.
Krähen im Schnee- sie sind auch Titel und Protagonisten eines Gedichts
von G. Britting:
Die schwarzen Krähen auf dem weißen Feld:
Der Anblick macht mein Herz erregt.
Es staubt der Schnee. In Wirbeln kreist
die Welt.
Sie sitzen auf den Bäumen unbewegt.
Die Zaubertiere aus der alten Zeit.
Sie sind bei uns nur zu Besuch.
Sie tragen noch das alte
Galgenvogelkleid,
sie hörten einst den rauen Henkersfluch.
So rauh wie hohl der alte Krähenschrei,
in ihm ist Langeweile und Verdruß.
So hocken sie, das schwarze Einerlei.
Und wirbelnd fällt der Schnee, wohin er
muß.
Erstarrtes Zittern bei schimmerndem Schnee lässt die Kreatur näher
zusammenrücken. Eine harte Zeit, nicht nur für Bären und Wild, auch
der Mensch des Mittelalters fürchtete die kalte Zeit mit ihren
Beschwerden und Einschränkungen:
Uns hat der winter geschat überal:
heide unde valt sind beid nu val,
uns hat der winter kalt und ander not
vil getan ze leide.
möht ich verslafen des winters zit.
Den
Winter zu verschlafen- was Walther von der Vogelweide am liebsten täte,
nicht wenige Tiere folgen dieser Strategie.
Winterschlaf: ein schlafähnlicher Zustand, in den bestimmte endotherme
und homoiotherme Tiere unter Herabsetzung ihrer Körpertemperatur
verfallen. Fledermäuse, Siebenschläfer, Haselmaus, Igel, Braunbären
und manche andere- sie erfüllen sich den Wunsch des Minnesängers. Der,
allerdings, als er von Kaiser Friedrich II ein kleines Lehen im
Würzburgischen erhält, das ihn erlöst vom Herumziehen als niedriger
Ministerialer, jubelt voller Dankbarkeit:
Ich han min lehen, al die verlt,
ich han min lehen.
Nu entfürht ich niht den hornunc
an die zehen.
Der
„Hornung“ trägt seinen Namen nach den abgeworfenen Geweihstangen des
Rotwilds (Horn). In manchen Landschaften findet sich auch die poetische
Bezeichnung Schwebemond, Taumond, auch Narrenmond.
Der
Februar ist auch der Zeitpunkt für eine musikalische „Schlittenfahrt“ (Leopold
Mozart). Antonio Vivaldi hat dem Winter eine wunderbare Hommage in
seinen „Vier Jahreszeiten“ erwiesen. In Robert Schumanns „Album für die
Jugend“, op. 68, findet sich gleichfalls ein Stück „Winterzeit“.
Frank Zappa empfiehlt:“ Don´t eat the yellow snow. “
Die
weiße (nicht gelbe!) Farbe des Schnees ist bedingt durch die
transparente Beschaffenheit der Eiskristalle. Das Licht aller sichtbaren
Wellenlängen wird an der Grenzfläche zwischen den Eiskristallen und
umgebender Luft reflektiert. Diese diffuse Reaktion erscheint weiß. Die
streng hexagonale Struktur der Schneekristalle war im Kaiserreich China
bereits seit dem 2. Jhdt. v. Chr. bekannt.
„Und
wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich in den
Finger, und drei Tropfen roten Bluts fielen auf den blütenweißen
Schnee. . . „
Schneewittchen hat unser aller Kindheit begleitet, zusammen mit
Dornröschen und vielen unvergessenen Prinzessinnen und Helden-
unerreichbare Traumgestalten kindlicher Phantasie.
Die
Erwachsenen unter den Träumern geben vielleicht Shakespeares „The
winter´s tale“, 1623, den Vorzug.
Unsterblich geworden als Winter- und Weihnachtsmärchen ist Christian
Andersens (Kunst-)märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“.
Aus
der englischsprachigen Literatur nicht wegzudenken ist Charles Dickens,
auch er Autor wunderbarer Weihnachtserzählungen , die zum festen Kanon
jeder Kindheit in England gehören. Den bekehrten Geizhals Scrooge, wer
kennt ihn nicht? Wie ein Baum ohne Kerzen wäre ein Fest ohne den
„Kleinen Lord“.
Der
Inbegriff von Winterlandschaften sind die Gemälde von Pieter Bruegel
„Jäger im Schnee“ oder die ins verschneite Flandern transponierte
„Volkszählung in Bethlehem“.
Die
düstere und melancholische Stimmung, in der das Leben unter der kalten
Schneedecke zu erstarren schien, gab auch Phantasie und Brauchtum
reichlich Nahrung. Heidnischer Glaube wechselte die Fronten und ging in
christlicher Tradition auf.
So
wurde die Gestalt des alten Germanengottes Wotan eingeschmolzen in die
Figur des Knecht Ruprecht (der 6. Dezember war ursprünglich das
Wotansfest), dessen derbere und finstere Varianten ihr Unwesen trieben
als Krampus, Pelzmärtel, Rauwuckl, Klaubauf, Butz und anderen
Schreckens-gestalten aus oftmals heidnischer Zeit, die
kuhschwanzschwingend und johlend durch die Dörfer zogen.
Um
das Jahr 1600 erschienen in Straßburgs Stuben die ersten geschmückten
Bäume. Ab dem 18. Jhdt. erfolgte eine Umdeutung des germanischen
Baumes durch die Kirche. Im Biedermeier war der Weihnachtsbaum bereits
das Zentrum der geschmückten Wohnstuben in den gutbürgerlichen Familien.
1882 erstrahlte in den USA der erste Baum in elektrischem Kerzenlicht.
Am
6. Januar ziehen die Perchten (schöne Masken und Spukgestalten) wie der
pelzbekleidete Klaubauf und andere Brauchsfiguren in Gestalt von
Bärenführer, Habergeiß und Zapfmandel umher.
In
manchen Landschaften gibt es zu Maria Lichtmeß (2. Februar), wo die
Tage zum ersten Mal merklich länger werden (Maria Lichtmeß, spinnen
vergeß, bei Licht zu Nacht eß), den sogenannten Heischegang der
Junggesellen.
Im
Kanton Schwyz hat das „Geisleschlepfe“(Peitschenknallen) Tradition. Mit
„Wintermaien“ werden zur Mitwinterzeit Dämonen und Geister aus dem Haus
getrieben.
Der
Volksmund weiß:
„Wenn´s zu Lichtmeß stürmt und schneit,
so ist das Frühjahr nicht mehr weit. „
Hingegen:
„Sonnt der Dachs sich in der Lichtmeßwoch,
bleibt er noch vier Wochen in sei´m Loch.
„
Dem
Winter, der seinen Namen ethymologisch dem althochdeutschen „winter“
für feucht verdankt, geht es nun mit fortschreitendem Jahr zunehmend an
den Kragen. Sang Matthias Claudius im Dezember noch:
„Der Winter ist ein rechter Mann,
kernfest und auf die Dauer“,
so
ändert sich das gründlich, wenn die Zeit gegen Fastnacht vorrückt. Da
heißt es dann:
„So treiben wir den Winter aus
durch unsre Stadt zum Tor hinaus
und jagen ihn zuschanden,
dass er den Tod muß leiden. „
War
zu Beginn des Winters mit der Wintersonnenwende der Zeitpunkt erreicht,
zu dem die Sonne senkrecht über dem südlichen Wendekreis stand, und die
Tage am kürzesten waren, so hat sich auch das nun geändert. Man muß
sich beeilen, will man die typischen Wintersternbilder noch deutlich
sehen: Orion mit seinen drei Sternen, die den Gürtel des Jägers bilden,
das Sternbild Widder im Westen, im Osten den Stier, den Zwilling und
den kleinen Krebs. Unter dem Sternbild Zwilling findet man den kleinen
Hund und darunter wiederum den großen Hund mit dem hellsten Stern am
ganzen Winterhimmel: Sirius.
Den
Garten schmückt jetzt längst der rosafarbene Winterschneeball. Die
weißen Blüten der Schneeforsythien duften, .und an geschützten Stellen
wagen sich Kamelien, erste Knospen anzusetzen.
Noch
dominieren roter Hartriegel, Winterjasmin, immergrüne und panaschierte
Gräser. Die Korkenzieher Hasel ist der Star der noch kahlen Gärten.
Doch
schon schwebt ein erstes Frühlingsahnen in der Luft.
Bald
ist sie endgültig vergessen, die Winterstimmung, die Gottfried Benn
beschreibt:
„Rauch aus den nebelhaften Lüften löste
sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten eng
um Tanne, Baum und Busch
und erglänzte wie das Weiche, Weiße,
das aus Wolken fällt,
und erlöste stumm in bleicher Schönheit
eine dunkle Welt. „
Sabeth Splietorp
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