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Indian
Summer – Altweibersommer- Witwensömmerli
Sie sind
kostbar, diese letzten vom Himmel uns gewährten Tagevoll goldenen
Lichts, für die „die Götter noch einmal die Waage eine zögernde Stunde
anhalten“, wie es Gottfried Benn beschreibt.
Eine
seltsame Wehmut erfüllt die Luft, die klar ist wie nie. Ein Licht,
dem Himmel so nah, dass man wünscht, es möge nie vergehen. Alles
scheint nah und vertraut: die blaue Vorgebirgskette rückt greifbar.
Die
Verschwendung des Sommers – nichts erinnert mehr an sie. Die letzten
müden Rosen – morbide und dekadent – ahnen die kommenden frostigen
Nächte In den Gärten und Parks glitzern nach kühlen Nächten feine
Gespinste, silberne, seltsamglitzernde Fäden, im frühen
Morgenlicht. Nach dem Glauben der Alten sind es die Lebensfäden, die
die Nornen , die Schicksalsgöttinnen, über Nacht gesponnen haben.
Der christlichen Legende zufolge stammen die Silberfäden aus dem
Schutzmantel der Gottesmutter. In manchen Landschaften erhielt sich
bis heute die Bezeichnung „Marieenfäden“ für dieses Herbstgeschenk der
Natur.
Seit
keltischer Zeit mit dem November verbunden ist Halloween, das im
irisch-amerikanischen Kulturkreis verwurzelt, zum neuen Kult, vor
allem der jungen Generation wird. Die eigentliche Bedeutung dieser
Nacht der Geister ist über der Fun- und Party-Szene mit ihren
Vampiren, Gespenstern und Monstern allerdings völlig verloren
gegangen.
„All
Hallow, s Evening“ ist der Abend vor Allerheiligen, dem christlichen
Gedenktag für die Toten. Sein früher Ursprung ist das Samhain-Fest
der Kelten, die mit Feuern und Maskendie Toten in ihrer dunklen Welt
zu besänftigen suchten.
Der
irischen legende nach soll ein Trunkenbold dem Teufel übel mitgespielt
haben. Zur Erinnerung daran wurden ausgehöhlte Rüben mit glühender
Kohle erleuchtet. Die irischen Auswanderer nahmen stattdessen den
Kürbis, der seither zum unverzichtbaren Requisit des Halloween-Festes
wurde.
Doch
kehren wir noch einmal in den Oktober zurück. Leise, kaum merklich,
ändert sich jetzt das Licht, die Luft scheint dünner und
durchsichtiger, die Gerüche feuchter und intensiver. Und eines Tages
ist es Herbst geworden, fast unmerklich. Eine erste kalte Nacht, über
die sich ein weiter Himmel spannt, voller Sterne, mit einer schmalen
Mondsichel.
Im
Südwesten schickt sich das Sternkreiszeichen Steinbock an unter den
Horizont zu sinken . Kassiopeia befindet sich in seiner
Höchststellung im Zenit und am frühen Morgenhimmel ist Merkur
auszumachen. Er löst jetzt Venus als In den Morgenstunden des 18.
und 19. Novembers fallen Sternschnuppen aus dem Strom der Leoniden
zur Erde. Nach dem Volksglauben die Zeit für Wünsche.
Der
Morgen bringt den ersten Nebel des Jahres, in dem die Landschaft
versinkt und unwillkürlich fallen einem die Zeilen Mörikes ein:
Im Nebel
ruhet noch die Welt,
noch
träumen Wald und Wiesen:
bald
siehst du, wenn der Schleier fallt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem
Golde fließen.
Am späten
Vormittag hat sich alles verwandelt in ein Fest: explodierende,
lodernde rote Sträucher und Bäume, flammender Ahorn, Girlanden
dunkelroten Weinlaubs. Eine gelbe, orangfarbene Symphonie leuchtet
in der noch kräftigen Mittagssonne. Der Kiesweg ist übersät mit
einem verschwenderischen Teppich bunter Blätter: längliche, gezackte,
gerippte, ovale mit dicken Blattadern, manche gesprenkelt, andere
wie getupft oder marmoriert. Wer erinnert sich nicht an das Glück aus
Kindertagen, zu sammeln, aufzuklauben , in dicken Bündeln diese
Pracht nach Hause zu tragen? Dieser Monat ist ein einziges langes
Fest:
Das ist
ein Abschied mit Standarten
aus
Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack
und Astern flaggt der Garten,
und
tausend Königskerzen glühn.
(Erich
Kästner: Der September)
Amseln
tun sich gütlich an den roten Liebesperlen der Berberitzen und der
Hagebuttensträucher Und wieder werden wehmütig Gedanken wach an
Kinderzeiten mit ihren schönen altmodischen Büchern von Feen und
Elfen:
Die
Hagebuttenelfe singt.
Hört
nur, wie ihr Herbstlied klingt:
Kühler,
frischer Morgentau,
mittags
ist der Himmel blau,
abends
weiße Nebel stehn,
blassgelb
ist der Mond zu sehn.
Längst
vergangen ist die Zeit,
als im
rosa Blütenkleid
wir noch
Heckenrosen waren
und die
leichten, wunderbaren
Schmetterling uns begrüßt
und dabei
ganz zart geküsst.
Die
vielen kleinen Barretts des Pfaffenhütchenstrauchs (Euonymus alatus)
wollen trotz ihres bischöflichen Violetts nicht so recht fromm wirken.
Wenn die
Temperaturen sinken und das Licht schwächer wird, schlägt die
Stimmung um: Fast über Nacht verlischt in den Alleen die giftgelbe
Farbpracht der Gingko-Bäume –Goethes Lieblingsbaum- Trakl hat dafür
das schöne Bild gefunden „verflossen ist das Gold der Tage“.
Das
Fallen der Blätter in der schon fast kahlen Landschaft wirkt
eigentümlich unwirklich.
Der
einsame Betrachter fühlt sich auf sonderbare Weise allein gelassen in
dieser fremden Welt, in der Geräusche und Entfernungen ein ganz
eigenes Leben entwickelt haben.
Seltsam
unbehaust ist der Mensch fast ein Eindringling, ein Fremdkörper in
dieser verschlossenen Intimität der verlassenen Natur, deren
Geheimnis sie für sich behält
Und so
kommt dem einsamen Spaziergänger Rilkes Poesie in den Sinn:
Wer jetzt
kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt
allein ist, wird es lange bleiben,
wird
wachen, lesen, lange Briefe schreiben,
und wird
in den Alleen hin und her
unruhig
wandern, wenn die Blätter treiben.
Nebel
macht sich breit – undurchdringlich und dicht, macht das Herz
schwer, und das Gemüt verfällt in Trauer wie die kaum noch
wahrnehmbare Natur ringsum.
Und so
denkt man an Hesses Gedicht „Im Nebel“:
Nebel
hängt wie Rauch ums Haus; drängt die Welt nach innen:
ohne Not
geht niemand aus,
alles
fällt in Sinnen.
Leiser
wird die Hand, der Mund,
stiller
die Gebärde,
heimlich
wie auf Meeresgrund
träumen
Mensch und Erde.
November-
Monat des Gedenkens, des Erinnerns. Alle, die uns schon verließen,
sie kommen uns nahe. Und wenn wir trauern um sie und ihnen damit
unsere Reverenz erweisen, so geschieht es unwillkürlich auch im
Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit. Immer schon war der Herbst
auch eine Metapher für das Sterben:
Die
Blätter fallen, fallen wie von weit,
als
welkten in den Himmeln ferne Gärten:
sie
fallen mit verneinender Gebärde.
Und in
den Nächten fällt die schwere erde
aus allen
Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle
fallen, Diese Hand da fällt.
Und sieh
Dir andre an: es ist in allen.
Und doch
ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich
sanft in seinen Händen hält.
( Rainer
Maria Rilke: Herbst)
Und so schließt sich allmählich der Kreis des Jahres und der
Jahreszeiten, wenn wir nun langsam dem Winter entgegengehen.
Sabeth Splietorp
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